Joachim Ringelnatz
Flugzeuggedanken

1929

Ernst Rowohlt Verlag Berlin

Gewidmet
Dr. Ernst Stettenheimer in Frankfurt am Main

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Bär aus dem Käfig entkommen

Was ist nun jetzt?
Wo sind auf einmal die Stangen,
An denen die wünschende Nase sich wetzt?
Was soll er nun anfangen?

Er schnuppert neugierig und scheu.
Wie ist das alles vor ihm so weit
Und so wunderschön neu!
Aber wie schrecklich die Menschheit schreit!

Und er nähert sich geduckt
Einem fremden Gegenstande. –
Plötzlich wälzt er sich im Sande,
Weil ihn etwas juckt.

Kippt ein Tisch. Genau wie Baum.
Aber eine Peitsche knallt.
Und der Bär flieht seitwärts, macht dann halt.
Und der Raum um ihn ist schlimmer Traum.

Läßt der Bär sich locken. Doch er brüllt.
Läßt sich treiben, läßt sich fangen.
Angsterfüllt und haßerfüllt
Wünscht er sich nach seines Käfigs Stangen.


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Der Unfall

Es sprach das Gehirn erschüttert
Zur Nase: »Du blutest stark!«
Es sagte der Hut verbittert:
»Ich bin total zerknittert
Und war aus Seide gefüttert
Und kostete dreißig Mark!«

Es sagte das Auge verschwommen:
»Ich fühle mich wieder frei.
Das Ganze wird uns gut bekommen;
Das Herz ist nicht entzwei!«

Das Herz sagte: »Sowas kommt vor.
Vor allem aber lebt unser Humor,
Und deshalb werde ich nun
In eurem Namen Gott innig danken,
Wie das die Erschreckten und Kranken –
Leider fast nur die – tun!«
